Unbegrenzte Freiheit durch Begrenzte Möglichkeiten

Eine Woche ist es her, seit ich hier das letzte Mal meinen diffusen Gedankenstrahl durch das Sieb des Schreibens gelenkt habe und somit meine Orientierungslosigkeit verschriftlicht habe. Eine Woche, das ist in etwa die durchschnittliche Inkubationszeit des Corona Virus. Also die Zeit, die das Virus vom Eindringen in den Körper bis zur Entfaltung der folgenschweren Symptome benötigt. Daraus lässt sich die gute Nachricht folgern, dass ich mich in der Zeit vor dem letzten Text ausreichend vorbildlich verhalten habe, was die Einschränkung meines kontaktbasierten Soziallebens und somit meines Infektionsrisikos angeht. Auch in den letzten Tagen habe ich mich vornehmlich in den vier Wänden aufgehalten, die mein Zuhause sind und mich mit den Menschen, die ich sonst glücklicherweise jede Woche sehe, höchstens virtuell getroffen.

so habe ich mich versteckt vor einem unsichtbaren Gegner, von dem ich mich persönlich eigentlich nicht direkt bedroht fühle, der allerdings gerade dabei ist, unser aller Leben einzufrieren und es auch nach einem Auftauen nicht unverändert zurücklassen wird.

ist das Maximum unserer Fähigkeiten wirklich dann ausgeschöpft, wenn wir die Quarantäne in unser Komfortzone aussitzen?

Veränderungen wird es in einer Zeit danach auf jeden Fall geben. Auf die meisten davon haben wir jedoch keinen Einfluss : Wir können nicht selbst einen Impfstoff in unserem Keller entwickeln, der der scheinbar unaufhaltsamen Kurve Einhalt gebietet. Wir können keine Schutzausrüstung oder Lebensmittel zu denen bringen, die nicht zuhause bleiben können, einfach weil dieses Zuhause nicht existiert oder noch tödlicher als diese Lungenkrankheit ist. Und wir können auch so viele andere nicht retten, vor den mentalen Problemen, die eine Isolation mit sich bringt, vor dem finanziellen Ruin oder sogar dem Tod durch dieses omnipräsente Virus.

Doch sind wir wirklich machtlos? Sind wir wirklich dazu verdammt die nächsten Wochen tatenlos und alleine dazusitzen? Und ist das Maximum unserer Fähigkeiten wirklich dann ausgeschöpft, wenn wir die Quarantäne in unser Komfortzone aussitzen? Das klingt nicht nur falsch, es ist auch falsch.

Wir sind alleine schon durch die Veränderungen und Einschränkungen in unserem Leben, die das Virus und seine Bekämpfer*innen bewirkt haben, in vielen Situationen zum Umdenken gezwungen. Wir müssen unseren Alltag neu organisieren. Festgefahrene Muster werden aufgebrochen und Zeitfenster neu gefüllt. Arbeitsweisen verändern sich, die freie und erholsame Zeit zwischen den verpflichtenden Tätigkeiten muss anders gestaltet werden, und die Grenze zwischen diesen beiden Beschäftigungen zeichnet sich nicht gerade durch eine hohe Trennschärfe aus, oder verschwindet vollkommen.

Diese festen Abläufe waren Korsett und Antrieb zugleich.

Genauso scheinen die Grenzen zwischen den einzelnen Stunden, Tagen und Wochen immer mehr zu verschwimmen. Diese Grenzen waren für uns früher einmal so wichtig, weil sie uns Struktur gaben und für Klarheit sorgten:

Stunden waren ein Sammelsurium an ungezählten Augenblicken, manchmal bedeutender Gespräche, manchmal ganz alltäglicher Gewohnheiten – dennoch haben sie sich nach ganz schön viel Zeit angefühlt. Bis auf wenige Ausnahmen waren Tage immer ähnlich aufgebaut und eingerahmt von notwendigen Aktivitäten, wie dem Schlaf oder den Mahlzeiten. Eine Woche war ein abgeschlossener Block von Tagen, klar getrennt durch das Wochenende und immer wieder aufs Neue beginnend mit dem Montag, an dem man durch Verpflichtungen, wie Schule oder Arbeit, gezwungen war, wieder zielorientiert produktiv zu werden. So wurde man durch diesen Zeitplan getragen, jahrelang. Dieser Plan war Korsett und Antrieb zugleich. Er hielt uns durch zahlreiche Deadlines und Gewohnheiten dazu an, eine – mal mehr mal weniger – gesunde Balance aus Arbeit und einem entspannenden Kontrastprogramm zu finden.

Zeit, in der wir nicht mehr so weiter machen können wie zuvor, aber eben auch nicht so weiter machen müssen wie bisher

Doch in diesen Tagen vergisst man schon mal kurz, was man in den letzten Stunden denn nun eigentlich genau gemacht hat, oder welcher Wochentag gerade – viel zu spät, erst nach dem mittäglichen Aufwachen- begonnen hat. Wichtig ist nun, dass wir in dieser scheinbar unbegrenzten Wolke aus Zeit, die uns umgeben zu scheint, nicht vergessen, welches Geschenk wir da gerade erhalten haben: Zeit, in der wir nicht mehr so weiter machen können wie zuvor, aber eben auch nicht so weiter machen müssen wie bisher. Und genau hier fängt unsere fast unbegrenzte Gestaltungsfreiheit an. Wir haben Zeit für Dinge, für die wir uns sonst nie die Zeit nehmen würden, weil das Korsett des Alltages zu eng geschnürt ist. Wir könnten viele Dinge ausprobieren:

auch wenn uns im ersten Augenblick noch nicht der kreative Aktionismus packt, sollten wir ihm Zeit geben

Uns stundenlang durch Wikipedia klicken, auf der Suche nach immer neuen Fachbegriffen und Themen, die uns begeistern. Ein neues Musikgenre für uns entdecken. Briefe an Menschen schreiben, von denen wir erst durch ihre Abwesenheit begriffen haben, wie wichtig sie uns sind. Oder einfach nur in Erinnerungen schwelgen, über das was schön war – und Pläne schmieden, für das, was kommen wird. Ideen für andere Beschäftigungen finden sich zuhauf im Internet und in Zeitungen, und hoffentlich schon bald in unseren Köpfen.

Lasst uns mit der Quarantäne-Trägheit brechen. Und diese gewonnene Zeit nicht zur Selbstoptimierung nutzen, wie viele es von uns zu erwarten scheinen. Sondern lieber für Dinge, die uns wirklich interessieren und faszinieren. Oder ersteinmal herausfinden, was diese Dinge eigentlich sind. Und selbst wenn uns hier im ersten Augenblick noch nicht der kreative Aktionismus packt, sollten wir ihm Zeit geben. Denn Langeweile macht ja angeblich erfinderisch. Aber nur, wenn sie ungestört wirken kann und nicht permanent durch andauernden Missmut gestört, oder von stumpfsinnigen Serienepsioden beschallt wird.

Allein schon die Tatsache, dass wir die Zeit finden, diesen Text zu schreiben oder zu lesen zeigt, dass wir privilegiert sind.

Zum Abschluss möchte ich nochmal betonen, dass mir selbstverständlich klar ist, dass sich nicht jeder in diesen Tagen den Luxus leisten kann, über außergewöhnliche Projekte und extraordinären Zeitvertreib nachzudenken. Wie bereits erwähnt durchleben einige Menschen zur Zeit harte Tage, vielleicht die härtesten bis jetzt. In einsamen Wohnungen, vor beinahe leeren Kontoauszügen, hinter viel zu überfüllten Supermarktkassen oder angeschlossen an Beatmungsgeräte. An diese Menschen, die besonders bedroht oder systemerhaltend sind, sollten wir denken. Denn allein schon die Tatsache, dass wir die Zeit finden, diesen Text zu schreiben oder zu lesen zeigt, dass es uns besser geht, dass wir privilegiert sind.

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„Du musst die Welt retten“ - so sagen sie. Leiste deinen Beitrag zum Fortbestehen der Menschheit und tu - nichts. 

Mit dieser Aufgabe schlicht  überfordert beschließt der Autor zumindest seine Gedanken aus dem Epizentrum der passiven Weltrettung zu teilen. Nicht gerade heroisch, doch zumindest prokrastinierend. Und genau darum geht es in dieser Krise.

Unregelmäßig neue Beiträge in Wort und Bild  

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