Ich habe noch nie besonders weit in die Zukunft blicken wollen. Ich hielt es einfach nicht für sinnvoll, über die Eventualitäten der entfernten Jahre nachzudenken und dabei meist das Hier und Jetzt zu verpassen. In Zeiten der Krise verstärkte sich diese Tendenz natürlich, da es utopisch erscheint, in einer solch akuten und unübersichtlichen Lage, von der Zukunft in vielen Jahren zu sprechen.
Das Leben könnte mit voller Intensität zurückkommen
Stattdessen habe ich mir, als die Isolation begonnen hat, oft bunte Bilder des unmittelbaren „Danachs“ ausgemalt. Zumeist waren das befreite und unbeschwerte Vorstellungen, in denen das Leben nach ein paar harten und einsamen Wochen wieder mit voller Intensität zurückkommen würde. Ich fing sogar an, die Zeit in Quarantäne als eine Art „Erlebnisfasten“ zu begreifen. Eine Zwangspause, die mir vor Augen führt, was ich doch eigentlich alles am freien Leben zu schätzen weiß und wie unbegrenzt die Möglichkeiten normalerweise sind. Nur war in meiner Vorstellung diese erzwungene Zeit des Verzichtens und der Reflexion immer zeitlich limitiert.
Ich stellte mir vor, dass die Kanzlerin oder irgendein Star-Virologe auf einmal – in nicht allzu ferner Zukunft – verkünden würde, dass die bedrohliche Kurve nun für immer abgeflacht ist, die Zeit der 1,50 Meter breiten sozialen Barrieren ebenso vorbei ist, wie die wirtschaftlichen Sorgen und das allgemeine Unwohlsein. Dass eines Tages unvermittelt der Schleier fallen würde, wegen dem wir das Leben nur noch verzerrt über Bildschirme von Zuhause aus und gedämpft durch unsere Gesichtsmasken wahrgenommen hatten.
Doch inzwischen sieht es so aus, als würde dieser Tag so nie kommen. Oder zumindest, als würde es keinen Tag der bedingungslosen Entwarnung geben. Dafür gibt es einfach zu viele Ungewissheiten auf Seiten der Wissenschaft aber vor allem auch zu viele Ängste in der Bevölkerung. Große Teile der Menschen sehen bereits den angekündigten Lockerungen der Beschränkungen mit Besorgnis entgegen.
Dabei werden ebendiese Lockerungen doch umgesetzt, um den Menschen wieder Hoffnung und Lebensmut zu schenken- und natürlich weil es die Zahl der Ansteckungen derzeit zulässt. Aber dennoch wirkt die Situation nach wie vor bedrohlich. Stets betonen die Politiker*innen, dass mit der zunehmenden Freiheit, die uns nun wieder „anvertraut“ wird, auch unsere Verantwortung exponentiell wächst. Ebenso wächst dabei auch die Anspannung, die im öffentlichen Raum spürbar wird:
mit einem großen Abstand zu unseren Mitmenschen, der zwar Rücksichtnahme bewirken soll, sich aber eher wie Misstrauen anfühlt
Wir bewegen uns zwar wieder durch die Stadt, aber immer mit einem großen Abstand zu unseren Mitmenschen, der zwar Rücksichtnahme bewirken soll, sich aber eher wie Misstrauen anfühlt. Wir fahren zwar wieder mit der U-Bahn, aber immer vermummt und sind uns dabei unendlich fremd. Wir begegnen zwar wieder mehr geliebten Menschen, aber ohne sie nach der langen Zeit der Trennung in die Arme schließen zu dürfen – denn das wäre ja nun auch wieder unverhältnismäßig unvernünftig.
Wir werden den Ausnahmezustand vermutlich schon als unsere neue Realität akzeptiert haben
Kurz gesagt: Anstatt unsere Lebensfreude neu zu gewinnen, gewöhnen wir uns Stück für Stück an eine neue Realität. Eine Realität, die notwendig ist um die Schwächsten unserer Gesellschaft und unser Gesundheitssystem zu schützen. Doch wann wird diese Übergangszeit ein Ende finden? Wann werden die Tische in den Schulen wieder zusammengerückt, wann die gelben Warnschilder von den Bustüren abgekratzt? Wann wird das Ausmaß unserer Freiheit nicht mehr von einer abstrakten Zahl – der „Übertragungsrate“ – bestimmt, deren Entwicklung wir täglich sorgenvoll verfolgen, in ständiger Angst vor einem erneuten Lockdown?
Wenn ein Impfstoff gefunden ist, so sagt man. Doch das würde noch dauern. Mindestens ein halbes Jahr, vielleicht auch ein ganzes oder sogar länger. Das würde bedeuten, dass wir noch monatelang im Ausnahmezustand leben müssen, den wir bis dahin vermutlich schon als unsere neue Realität akzeptiert haben werden. Eine Realität, in der jeder unserer Schritte von einer App überwacht wird, aus Angst vor dem Virus. Eine Realität, in der wir keine Feste feiern, aus Angst vor dem Virus. Eine Realität, in der wir alle anderen Themen und Probleme vernachlässigen, aus Angst vor dem Virus.
Auch wenn nach einer unbestimmten Zeit – nach der Erforschung, Zulassung und weltweiten Injizierung eines Impfstoffes – die Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen und gut gemeinten Warnungen ein Ende haben werden, wird danach alles ein bisschen anders sein als zuvor.
Das könnte ein gutes Anders sein. Eines das uns weiterbringt, in dem wir uns mit den wirklich wichtigen Dingen im Leben beschäftigen werden und uns als solidarische Gesellschaft näher sind, als je zuvor.
Es könnte aber auch ein trauriges und rückschrittliches Anders sein, in dem wir uns voneinander entfernt haben, aus panischem Selbsterhaltungstrieb dem Egoismus verfallen und mit gedämpfter Lebensfreude und geschwächten Politikvertrauen weiter existieren.
Welches Anders das ist, hängt davon ab, ob wir Wege finden bereits heute richtig mit der Situation umzugehen.
++++++++++ „Du musst die Welt retten“ - so sagen sie. Leiste deinen Beitrag zum Fortbestehen der Menschheit und tu - nichts. Mit dieser Aufgabe schlicht überfordert beschließt der Autor zumindest seine Gedanken aus dem Epizentrum der passiven Weltrettung zu teilen. Nicht gerade heroisch, doch zumindest prokrastinierend. Und genau darum geht es in dieser Krise. Unregelmäßig neue Beiträge in Wort und Bild ++++++++++++
